Krieg
fern der Heimat
Von der Ostküste der Vereinigten Staaten von Amerika bis zum Eismeer im
hohen Norden kämpften deutsche U-Boote bereits im Ersten Weltkrieg. Zu
Kriegsbeginn 1914 auch im eigenen Land noch belächelt und von
Großadmiral v. Tirpitz verspottet, entwickelte sich die
junge deutsche U-Boot-Waffe in den kommenden Jahren zur tödlichen
Bedrohung der feindlichen Handelsflotten und brachte England an den Rand
der Niederlage. U-Boot-Kommandanten wie Lothar v. Arnauld de la Perière,
Walter Forstmann oder Max Valentiner erzielten mit ihren Mannschaften
Erfolge, die selbst im Zweiten Weltkrieg nicht wieder erreicht wurden.
Propagandakrieg in Deutschland
Erbitterte Gefechte gab es jedoch nicht nur auf hoher See zwischen
deutschen U-Booten und Schiffen der Alliierten: Geradezu unglaublich
erscheinen heute die harten Auseinandersetzungen zwischen deutschen
Militärführern auf der einen und Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler
v. Bethmann Hollweg auf der anderen Seite. Streitpunkt war
das Vorgehen der U-Boote im Gefecht: Der warnungslosen Versenkung von
Handelsschiffen, dem sog. uneingeschränkten U-Boot-Krieg, stand die
Variante des sog. U-Boot-Krieges nach der Prisenordnung gegenüber, der
Versenkung eines Handelsschiffes nur nach vorheriger Warnung und nach
dem Vonbordgehen aller Besatzungsmitglieder und möglicher Passagiere.
Wohl niemals sonst in der Kriegsgeschichte wurde die Wirksamkeit einer
bestimmten Art der Kriegführung von Militärs, aber später auch von
vielen Historikern derart in Abrede gestellt, wie es beim U-Boot-Krieg
nach der Prisenordnung der Fall gewesen ist. Die Analyse der
U-Boot-Feindfahrten belegt allerdings, daß tatsächlich bis Januar 1917
mit zunehmender Tendenz das Vorgehen nach der Prisenordnung und damit
der Überwasserangriff mit dem Deckgeschütz dominierte: Während der
Herbst-/Winter-Offensive 1916/1917 wurden ca. 98,5% aller versenkten
Handelsschiffe vorgewarnt. Abgesehen von wenigen, tragischen
Zwischenfällen führten die deutschen U-Boote bis dahin einen
völkerrechtlich legitimen und relativ rücksichtsvollen Handelskrieg,
der übrigens die ausdrückliche Billigung des späteren Kriegsgegners
USA fand. Gründe für die Anwendung des Prisenverfahrens waren die
militärische Effektivität dieser Methode und verbindliche Befehle der
deutschen Regierung, Versenkungen neutraler Schiffe zu vermeiden und
Zivilisten aller Nationen zu schonen. Auch der ab Februar 1917 geführte
uneingeschränkte U-Boot-Krieg richtete sich klar gegen die
Kriegsgegner: Die von Anfang an bestehenden Ausnahmeregelungen für
Neutrale wurden stetig erweitert.
Der
Kaiser
bestimmt den U-Boot-Krieg
Kaiser und Kanzler unterstützten sich gegenseitig im Konflikt mit
der Opposition im eigenen Lager. Es galt das Wort des Kanzlers: „Auch
der Seekrieg ist Mittel der Politik.“ Die Militärs mußten sich
also der Politik fügen, nicht etwa umgekehrt. Das Archivmaterial aus
dem Auswärtigen Amt und dem kaiserlichen Hauptquartier läßt ein Bild
des Kaisers entstehen, das mit der tradierten Vorstellung eines völlig
unfähigen, arbeitsscheuen und einflußlosen Monarchen nicht mehr viel
gemeinsam hat: Bis weit in das Jahr 1918 hinein bestimmte Kaiser Wilhelm
II. maßgeblich den Seekrieg und traf alle strategischen Entscheidungen.
Damit aber übte der Kaiser auch de facto die Rolle des Befehlshabers
der Marine aus. Bis Ende 1916 lehnten Wilhelm II. und v. Bethmann
Hollweg den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aus politischen und
moralischen Gründen ab. Seitens der radikalen Befürworter des
uneingeschränkten U-Boot-Krieges war die Reichsleitung daher heftiger
Kritik ausgesetzt. Nach dem Scheitern des deutschen Friedensangebotes im
Dezember 1916 sah die Reichsleitung allerdings keine politische Lösung
mehr und stimmte im Januar 1917 für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg,
sorgte dann aber, zum Teil mit Unterstützung der Obersten Heeresleitung,
wieder für Ausnahmeregelungen für neutrale Staaten.
Deutsche Militärs verhindern
U-Boot-Erfolge
Führende deutsche Marineoffiziere verhinderten eine größere Schädigung
der Gegner, indem sie - zunächst in Unkenntnis der Frontverhältnisse,
dann aus Starrsinn - den überaus erfolgreichen Überwasserkrieg der
U-Boote ablehnten und mehrfach einen monatelangen Stopp des U-Boot-Krieges
herbeiführten. Sie handelten nach der Devise „Entweder
uneingeschränkter U-Boot-Krieg oder gar kein U-Boot-Krieg“. Die
Ablehnung der Prisenordnung durch die deutsche U-Boot-Führung stieß bei
den U-Boot-Kommandanten selbst auf völliges Unverständnis.
Zum
Thema der Buchtipp:
Joachim Schröder: Die U-Boote des Kaisers
Dieses Buch schildert auf 530 Seiten das Geschehen sowohl aus der Sicht
der führenden politischen und militärischen Personen als auch aus der
Perspektive der einfachen Soldaten an der Front. Dafür wurden neben der
Literatur zahlreiche gedruckte Quellen und vor allem umfangreiche
Archivbestände ausgewertet. So konnten zum Beispiel aus dem Archiv des
Auswärtigen Amtes bisher unbekannte Schriftstücke des Kaisers und des
Kanzlers herangezogen werden.
Insgesamt werden eine Vielzahl einseitiger Vorstellungen,
Fehlinterpretationen und Mythenbildungen, die mit dem U-Boot-Krieg
verbunden sind, aufgezeigt und berichtigt.
Der umfangreiche Anhang enthält zahlreiche
Dokumente als Faksimiles, wichtige statistische Auswertungen - so etwa
über das Schicksal sämtlicher deutscher U-Boote und ihrer Besatzungen -, Karten, Abbildungen, Flugblätter, Risszeichnungen und Fotos, von denen
viele zum ersten Mal veröffentlicht werden. Außerdem werden die
wichtigsten Einsatzbefehle und Seerechtsbestimmungen im Wortlaut
zitiert.
Presseschau: Die
U-Boote des Kaisers
Autor: Joachim Schröder